Taktik und Strategie in schweren Mehrseillängen mit Daniel Gebel und Dörte Pietron
25.11.2024
Ein Pilotprojekt - nach dem letzten Sichtungscamp des Damen-Expeditionskaders stellten Daniel und Dörte fest, dass es außerhalb des Kaders eigentlich keine wirkliche Fördermöglichkeit für die Entwicklung junger Alpinistinnen gibt; Sie wollen, dass junge, motivierte Bergsteigerinnen auch außerhalb des Expeditionskaders ihr Potential ausschöpfen können. Im Fokus der Fortbildung steht anders als bei einer Trainer*innen-Ausbildung, die Verbesserung des eigenen Könnens.
Am Freitag, dem 09. August treffen wir uns - sieben Teilnehmerinnen des Sichtungscamps - mit Dörte und Daniel am Bahnhof in Kempten. Es geht zum Rottachberg, einem bei Allgäuern beliebten (oder vielleicht auch einfach einem der wenigen) Sportklettergärten. Der Rottachberg ist ein steiler Felsriegel im Wald aus löchrigem Konglomerat. Die beiden Profis auf dem Gebiet schwerer Mehrseillängen wollen uns Skills und Tricks für effizientes, also kraft- und zeitsparendes ausbouldern zeigen. "Schwer" ist natürlich individuell; es geht vor Allem darum, gute Herangehensweisen in für den von uns nicht mehr onsightbaren Schwierigkeiten zu entwickeln.
Ausbouldern am Fixseil; wir fixieren Seile in den Routen unserer Wahl und bouldern am Grigri von unten aus. Das hat den Vorteil, dass ich eine Stelle bei Bedarf zehn Mal hintereinander klettern und mich immer wieder selbst ablassen kann. In aller Ruhe ausbouldern, Griffe und Tritte ticken und Züge ausprobieren ohne die Geduld der Sicherernden auf die Probe stellen zu müssen hat schon auch mal was! Irgendwann ist es dann doch unangenehm, im Gurt rumzuhängen. Wir starten mit den Rotpunktversuchen. Ganz schön pumpig im Rotti-Konglomerat... Nächstes Mal vielleicht. Danach probiert jede von uns die ausgewählte Route einer anderen Teilnehmerin im Flash anzusagen. Nach einer kurzen Besprechung zum Thema Seilmanagement und Haulen am Abend in Isny geht's ins Bett.
Samstag, 5 Uhr: Es ist noch dunkel, als wir uns auf den Weg Richtung Garmisch zur Schwarzen Wand im Höllental - Daniels und Dörtes Homecrag sozusagen. Daniel erzählt ein wenig über die Schwarzen Wand. Früher sei eine Begehung der Wand ein echter Meilenstein für Garmischer Kletterer gewesen. Richtiger „Kletterer“ war man erst, wenn man in der Schwarzen Wand mal eine Route gemeistert hatte. Neben der klassischen Nordwestwand (7a), die in den späten 60ern größtenteils in technischer Kletterei erstbegangen wurde, gibt es im linken Wandteil noch zwei Feistil Touren. Während „LoGa – Für immer bei uns“ (6b+) die leichteste Route der Wand darstellt, sollte man für Martin Feistls ropesolo erstbegangenen "Flugmeilengenerator" (7a) wohl eine gehörige Portion Moral mitbringen.
Im rechten Wandbereich gibt es eine Reihe schwerer Linien im Sportkletterstil, darunter auch ein Projekt von Stefan Glowacz und Markus Dorfleitner aus dem Jahr 2003. Die aktuell schwerste Route der Wand ist „Katzen die auf Löcher starren“ (8c), von der Daniel und Dörte dieses Jahr die erste Rotpunkt-Begehung gelang. Wir steigen etwa 2 bis 2,5 Stunden aus Hammersbach durch das Höllental zu und stehen schließlich unter der graugelben Wand. Am Abend haben wir uns entschieden, die „Endliche Geschichte“ (7b+ max. 12 SL), die erst eine freie Begehung hatte und Black Beauty (8b max. 10 SL) in 4 Seilschaften auszuchecken.
Dafür, dass unsere Route, die „Endlichen Geschichte“, nun wirklich noch nicht viele Kletterer ausgeräumt haben, ist die Felsqualität erstaunlich gut. Ein Paar Anzeichen, dass wir in einer sehr neuen Route klettern bleiben jedoch. Hier und da bröselt schon mal ein Griff oder Tritt weg und einige Stellen unter den Dächern der Route sind nass. Die Wand ist steil - unten löchrig, oben leistig. Stürze sind objektiv meistens ungefährlich, wie wir mit einigen Flugmetern getestet haben.
In Zweierseilschaften bouldern wir - teils simultan an von uns fixierten Seilen, teils im Vor- und Nachstieg die Mehrseillängen aus und präparieren die schwierigen Stellen für die Rotpunktbegehung am Sonntag. Daniel, der in seiner gut vertrauten Wand an den Fixseilen der Projekte auf- und absteigt, wuselt um uns herum und gibt uns konstruktive Verbesserungsvorschläge und Tipps. Nach einem Biwak unter der Wand geht es am Sonntag an Rotpunktversuche der am Vortag vorbereiteten Seillängen. Insgesamt ein sehr lohnendes Ziel für Kletterer, die an warmen Sommertagen in der Nordwand ihre Grenzen austesten wollen.
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